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Familienleben

Sprachentwicklung kindgerecht fördern

FOTO: ANTONIO GUILLEM via Shutterstock.com

Wenn Kinder das Sprechen beginnen, ist es für Eltern ein Meilenstein in der Entwicklung. Im Interview erklärt die Kinderlogopädin Patricia, wie Bezugspersonen die Sprachentwicklung mit Büchern und gemeinschaftlichem Spiel fördern können.

Patricia Pomnitz

Akad. Sprachtherapeutin, Therapiewissenschaftlerin, diplomierte Legasthenietherapeutin und Mama einer Tochter

Bücher finden sich in jedem Kinderzimmer. Warum ist „Buchzeit“ so wichtig und wie können Eltern diese Zeit effektiv für die Sprachentwicklung nutzen?

Bücher fördern auf vielfältige Art und Weise die kindliche Entwicklung. Vorlesen bzw. gemeinsam ein Bilderbuch anzuschauen, fördert den Wortschatz und die Grammatik. Denn die Kinder können die gehörten Wörter und Sätze direkt mit dem Gesehenen verknüpfen. Vorlesen vermittelt neues Wissen, regt die Fantasie und Vorstellungskraft an. Das Zuhören fördert zudem die kindliche Konzentration und Merkfähigkeit. Vorlesen eignet sich als festes Ritual, sowohl im Kindergartenalltag als auch zu Hause. Feste Rituale geben Kindern Sicherheit und stärken die Bindung zwischen den Bezugspersonen und den Kindern. Außerdem ist Lesen der Schlüssel zur Bildung. Möglichst früh das Interesse für Bücher zu wecken, heißt, einen Grundstein zu legen für das spätere Interesse am Lesen. Schulkinder, denen viel vorgelesen wurde, können Wörter schneller erlesen und haben ein besseres Lesesinnverständnis. Damit das Büchervorlesen tatsächlich sprachförderlich wird, sollten wir auf ein paar Dinge achten:

  • Eltern sollten sich ausreichend Zeit nehmen und ganz auf die Situation einlassen. Am besten also Hintergrundgeräusche wie TV oder Radio und das vibrierende, aufleuchtende Smartphone ausschalten.
  • Es ist wichtig, darauf zu achten, ob das Kind den Inhalt auch wirklich versteht. Also weniger vertraute Wörter wie „Ross“ für „Pferd“ noch einmal erklären.
  • Sprechen vor Vorlesen! Einer der Hauptgründe, weshalb Kinder scheinbar keine Bücher mögen oder sich nicht auf die Situation einlassen können, ist, dass „einfach vorgelesen wird“. Man darf sich durchaus erlauben, nicht jedes Wort vorlesen zu müssen. Stattdessen sollte man sich vom Text lösen und über die Bilder sprechen.
  • Eltern können sich ruhig von ihrem Kind leiten lassen, es wird ihnen zeigen, was es interessant findet und worüber es reden möchte. Hierfür ist es ratsam, dass es keinen Schnuller im Mund hat, denn der hemmt das Sprechen.
  • Stures Abfragen – „Wie heißt das? Wo ist das Auto? Zeig mir den Hund!“ – sollte vermieden werden. Das ist langweilig, nimmt den Spaß und baut Druck auf. Stattdessen kann man das Buch lebendig werden lassen, indem man mit seiner Mimik und Gestik spielt, lustige Geräusche macht oder Tierstimmen nachahmt. So wird Sprache auf mehreren Kanälen transportiert und das gemeinsame Buchanschauen macht richtig Spaß.

Wie findet man das richtige Buch für sein Kleinkind?

Bei der Auswahl des Buches ist zu berücksichtigen, wie alt das Kind ist und wie weit in seiner Sprachentwicklung. Für Kinder unter drei Jahren eignen sich Bilderbücher mit übersichtlich gestalten Buchseiten. Bücher, die sich reimen und die viele Wiederholungen enthalten, sind sehr sprachförderlich und machen es Kindern einfacher, ihre Aufmerksamkeit auf Sprache zu lenken. Das Wichtigste ist, sich nach den Interessen des Kindes zu richten, denn mit Motivation und Spaß lernt es sich am besten. Eltern sollten also herausfinden, was das Kind mag. Wofür es sich begeistern kann – Tiere, Fahrzeuge, Dinosaurier etc. Kleinkinder mögen es auch, wenn sie Handlungen aus ihrem eigenen Alltag in Büchern wiederentdecken können – angefangen beim Aufstehen, den Mahlzeiten, dem Baden und Spielen etc. Ich rate gern zum gemeinsamen Besuch einer Bücherei. Hier findet sich eine große Auswahl an verschiedenen Büchern. So können Eltern in Ruhe ausprobieren, was ihr Kind anspricht. Bücher, die nicht so gut funktionieren, können wieder zurückgeben werden und das Bücherregal zu Hause bleibt übersichtlich. Denn zu viel Auswahl – das gilt auch für Spielsachen – macht es Kindern schwer, sich zu fokussieren.

Warum ist Spielen allgemein so wichtig für die Sprachentwicklung?

Im Spielen begreifen Kinder die Welt, können sich in einer entspannten Atmosphäre mit sich selbst und den Dingen des Lebens auseinandersetzen. Zum Beispiel im sogenannten Funktionsspiel; hier entdeckt das Kind die Funktion von Dingen und probiert sie unzählige Male aus. Beispielsweise lässt es ein Auto hin und her fahren und kommt dabei mit den Begriffen „Auto“ oder „fahren“ in Berührung. Es verbindet mit dem Wort „fahren“ nun eine konkrete Handlung. Solche selbst gemachten Erfahrungen ermöglichen es dem Kind, Begriffe zu bilden und Wörter zu lernen. Später stellt es fest, dass das Wort „fahren“ auch in anderen Situationen gebraucht wird, z. B. im Zusammenhang mit dem Zug, dem Fahrrad, der Straßenbahn. Im Spiel mit anderen Kindern werden auch Gesprächsregeln, wie begrüßen, fragen, antworten, ausreden lassen etc., geübt. Die Kleinen lernen, ihre Bedürfnisse für einen Moment zurückzustellen, Regeln auszuhandeln und einzuhalten, Konkurrenz und Frustrationen zu ertragen oder Kompromisse einzugehen. Insbesondere im Rollenspiel erleben Kinder, was es bedeutet, sich in eine andere Person hineinzuversetzen. Sie übernehmen verschiedene Sichtweisen, können Gefühle durchleben und lernen, sie in Worte zu fassen. Letztlich werden beim Planen von Spielhandlungen und dem Durchspielen von Handlungsabläufen auch Fähigkeiten geübt, mit denen später Erzählungen oder Aufsätze in einen logischen Ablauf gebracht werden können.

Weitere Informationen finden Sie unter: sprachgold-online.de

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