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Kindergesundheit

Auch in Zeiten der Corona-Pandemie gibt es Infektionskrankheiten

Foto: kornnphoto via Shutterstock
In Kooperation mit
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Dr. med. Snjezana-Maria Schütt

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin

Auch in Zeiten der Corona-Pandemie machen Erreger von anderen, schwerwiegenden Infektionskrankheiten keine „Pause“. Daher halte ich die Durchführung der empfohlenen Standardimpfungen, in der aktuellen Situation, für wichtiger denn je. Immerhin haben wir mit den bisher zur Verfügung stehenden Impfstoffen die Möglichkeit, der Entstehung von einigen folgenschweren (und keinesfalls immer harmlos verlaufenden) Krankheiten im Kindesalter vorzubeugen. 

Kleiner Piks mit großer Schutzwirkung

Als Mutter von zwei Kindern weiß ich natürlich, wie schwer es fällt, die richtigen Entscheidungen für die Gesundheit unserer Kinder zu treffen und wie sehr wir unsere kleinen großen Wunder vor jeglichen Schmerzen bewahren möchten. Aber genau das ist der Sinn der Impfungen: die Kinder vor einigen schwerwiegenden Erkrankungen, damit einhergehenden Schmerzen, Folgeschäden oder gar tödlichen Verläufen zu schützen.

Am Anfang der Prävention steht die Information: 

Am Anfang einer erfolgreichen Prävention steht jedoch immer eine gute und umfassende Information: über die Erkrankung selbst und natürlich auch über die entsprechenden Impfungen (ausführliche Impfberatung beim Kinderarzt). Denn nur wer ein begreifbares Bild von einer Erkrankung hat, kann auch nachvollziehen, warum der Impf-Schutz so wichtig ist.

Gegen welche Erkrankungen werden in Deutschland Schutz-Impfungen empfohlen und warum ist der Schutz dagegen so wichtig?

Rota-Viren (Schluckimpfung): weltweit vorkommende Erreger von Magen-Darm-Infektionen, die gerade bei Säuglingen und Kleinkindern besonders schwer verlaufen können und häufig stationär behandelt werden müssen

Diphtherie / Pertussis / Tetanus / Hib / Polio / Hepatitis B (meist als 6-fach Kombinationsimpfung): 

Diphtherie: wird verursacht durch das Bakterium Corynebakterium diphtheriae, das ein spezielles Gift produziert und die typischen Symptome im Bereich der oberen Atemwege verursacht. Über Jahrhunderte hinweg war sie eine gefürchtete Erkrankung, da sie gerade bei kleinen Kindern zu einem Erstickungstod führen kann und im Volksmund oft als „Würgeengel der Kinder“ bezeichnet wird 

Pertussis (Keuchhusten) wird durch das Bakterium Bordetella pertussis verursacht und ist weltweit eine der häufigsten Infektionskrankheiten der Atemwege. Die Krankheit verläuft  typischerweise in drei Stadien, ist sehr langwierig (im Volksmund auch „100-Tage-Husten“ genannt) und geht mit z.T. sehr quälenden Hustenattacken und keuchender Einatmung einher. Säuglinge sind besonders gefährdet, da es gegen das Bakterium keinen Nestschutz gibt und sich die Erkrankung bei ihnen in Form von lebensbedrohlichen Atemstillständen äußern kann. Infizierte Erwachsene, die keinen ausreichenden Impfschutz haben, sind übrigens die Hauptinfektionsquelle für Neugeborene und Säuglinge. 

Tetanus (Wundstarrkrampf) wird durch das Bakterium Clostridium tetani verursacht, welches weltweit und überall vorkommt (Erde, Schmutz, Straßenstaub etc.) und über kleinste Verletzungen der Haut/Schleimhaut in den Körper gelangen und über die Produktion eines speziellen Giftes zu extremen Krämpfen in der Muskulatur führen kann. Unbehandelt führt die Infektion zu einer Atemlähmung und trotz moderner Intensivmedizin häufig zum Tode. Die Impfung ist der einzig mögliche Schutz vor der Erkrankung, allerdings vergessen viele Erwachsene die notwendigen Auffrischungen, so dass es auch hierzulande zu Erkrankungsfällen kommt.

Hib: das Bakterium Haemophilus influenzae Typ b kommt weltweit vor und kann schon bei jungen Säuglingen schwere Erkrankungen verursachen. Gefürchtet sind sowohl die Hirnhautentzündung als auch die Kehldeckelentzündung. Beide Erkrankungen weisen, auch bei entsprechender Therapie, eine hohe Sterblichkeitsrate auf.

Poliomyelitis (Kinderlähmung):wird durch das Polio-Virus verursacht. Vor Einführung der Impfung war das Virus weltweit verbreitet und führte zu schwerwiegenden Lähmungen, meist der Arm- und Beinmuskulatur. Gefürchtet war/ist der Befall der Atemmuskulatur, da er eine lebenslange Beatmung erfordert und ohne diese tödlich verläuft. 

Hepatitis B: wird durch das Hepatitis B Virus verursacht und ist eine der häufigsten Infektionskrankheiten überhaupt (weltweit schätzungsweise 300 Millionen chronische Hepatitis B-Träger). Das Virus kann zu einer chronischen Entzündung der Leber führen. Bei Neugeborenen, die sich z.B. unter der Geburt über die Mutter infizieren können, führen 90% aller Hepatitis B-Infektionen zu einem chronischen Verlauf und in einem Viertel der Fälle langfristig zum Tode.

Pneumokokken: sind Bakterien, die weltweit häufig vorkommen und zu einer Vielzahl von schwerwiegenden Erkrankungen führen können. Hauptsächlich erkranken Säuglinge zwischen 6 und 12 Monaten. Gefürchtet sind neben der Lungenentzündung, die Blutvergiftung sowie die eitrige Hirnhautentzündung, die in 10% der Fälle, trotz intensivmedizinischer Behandlung, innerhalb weniger Stunden zum Tode führen kann.

Meningokokken Typ C: sind Bakterien (Neisseria meningitidis; verschiedene Untergruppen), die weltweit vorkommen und innerhalb von Stundeneine eitrige Hirnhautentzündung bzw.  eine Blutvergiftung verursachen und zu einem sog. septische Schock führen können, an dem ein Drittel der Betroffenen verstirbt. Häufig sind die Symptome, gerade zu Beginn der Erkrankung, nur schwer von einem banalen Erkältungsinfekt (Fieber, Kopfschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl) zu unterscheiden. Säuglinge und Kleinkinder sind besonders gefährdet.

Masern / Mumps / Röteln: meist als 3-fach Kombinationsimpfung

Masern: das Virus kommt weltweit vor und führt zu einer hochansteckenden Erkrankung, die sich mit den Zeichen einer oberen Atemwegsinfektion, einer Bindehautentzündung und einem Hautausschlag äußert. Da die Viren zu einer vorübergehenden Immunschwäche von mindestens 6 Wochen Dauer führen, ist die Gefahr von Komplikationen sehr hoch. Am häufigsten kommt es zu einer Mittelohr- und Lungenentzündung sowie Bronchitiden und Durchfallerkrankungen. Besonders gefürchtet ist der Befall des Gehirns, der als postinfektiöse Enzephalitis bezeichnet wird und einige Tage nach Beginn des Hautausschlags auftreten kann. In 10-20% der Fälle verläuft die Enzephalitis tödlich. Eine zwar sehr seltene, jedoch immer tödlich verlaufende Komplikation der Masern, stellt die sog. subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) dar, die sich erst einige Jahre (ca. 6-8) nach der Infektion manifestiert. Bei noch sehr jungen Kindern, die aufgrund ihres Alters noch nicht geimpft werden können, ist grundsätzlich nicht nur das Risiko, an Masern zu erkranken sehr hoch, sondern auch das Risiko für das Auftreten einer SSPE nach einer Masernerkrankung am höchsten. 

Mumps: ist eine Infektionskrankheit, die durch das Mumpsvirus verursacht wird. Die Viren kommen weltweit vor und verursachen neben Fieber typischerweise eine Entzündung der Ohrspeicheldrüse(n). Je älter die betroffenen Patienten zum Zeitpunkt der Erkrankung sind, umso höher ist das Risiko für Komplikationen und Spätschäden. Diese können sich in Form einer Hirnhaut- oder Hirnentzündung, Taubheit sowie bei männlichen Patienten in einer Entzündung des Hodens und Unfruchtbarkeit äußern. Bei Frauen kann es zu Entzündungen der Eierstöcke und Brustdrüsen kommen.

Röteln: sind hoch ansteckend und werden durch Viren ausgelöst. Im Kindesalter verläuft eine Röteln-Infektion nur in 50% der Fälle mit den typischen Symptomen: Hautausschlag, erkältungsähnliche Beschwerden, erhöhte Temperatur, Bindehautentzündung und Lymphknotenschwellung. Bei der anderen Hälfte der Betroffenen verläuft die Infektion asymptomatisch. Komplikationen infolge einer Röteln-Infektion sind bei Kindern selten. Bei Jugendlichen und Erwachsenen hingegen kann die Infektion zu Bronchitiden oder Mittelohrentzündungen führen und selten auch das Herz oder das Gehirn betreffen. Schwangere ohne ausreichenden Impfschutz gegen Röteln stellen eine besondere Risikogruppe dar. Erkranken sie während der Schwangerschaft an einer Röteln-Infektion, so kann es dadurch zur Schädigung des ungeborenen Kindes und zur gefürchteten Röteln-Embryopathie kommen. Diese äußert sich durch Fehlbildungen am Innenohr, Herz, Auge und seltener an anderen Organen wie Gehirn, Leber oder Milz.

Varizellen (Windpocken): sind eine hochansteckende Erkrankung, die durch das Varizella zoster Virus übertragen werden. Die Viren kommen weltweit vor und sind so ansteckend, dass sie quasi „mit dem Wind“ übertragen werden können. Sie äußern sich in einem typischen Hautausschlag, der oft von Fieber begleitet wird: zunächst sind es kleine rote Flecken, die sich rasch in Bläschen umwandeln, später verkrusten und dann abheilen. Insgesamt dauert der Krankheitsprozess ungefähr 2 Wochen. Betroffene Kinder gelten bis zur Abheilung der letzten Kruste als ansteckend und dürfen öffentliche Einrichtungen in dieser Zeit nicht besuchen. Durch die hohe Ansteckungsrate infiziert sich praktisch jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit Windpocken. Leider kann jedoch niemand vorhersagen, wer die potenziell schweren Komplikationen erleiden wird (häufig Säuglinge und Kleinkinder sowie Erwachsene). Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind es im Wesentlichen ansonsten gesunde Personen, die von Komplikationen betroffen sind. Diese können sich in Entzündungen des Kleinhirns, z.T. auch des Großhirns (meist ungünstige Prognose) äußern. Besonders gefährdet sind Patienten mit einer Abwehrschwäche (z.T. lebensbedrohliche Verläufe), Kinder mit Neurodermitis (durch bakterielle Superinfektionen) und Schwangere. Erkrankt eine Schwangere in den ersten 5 Monaten der Schwangerschaft, können Fehlbildungen des ungeborenen Kindes die Folge sein. Bei einer Infektion um den Geburtstermin herum, kann es zu schweren Krankheitsverläufen beim Neugeborenen kommen.

Eine Besonderheit des Virus besteht darin, dass er nach überstandener Erkrankung in den Nervenzellen des Körpers verbleiben und viele Jahre später (meist bei älteren Patienten und bei Immunschwäche) zu einer Gürtelrose (Herpes zoster) führen kann. Windpocken sind somit keinesfalls eine harmlose Kinderkrankheit, auch wenn sie bei vielen Menschen harmlos verlaufen.

HPV: die humanen Papillomviren lassen sich in viele verschiedene Typen unterteilen und gehören zu den häufigsten Erregern, die durch Geschlechtsverkehr übertragen werden. Am häufigsten betroffen sind Männer und Frauen bis zum 25. Lebensjahr. In den meisten Fällen verläuft die Infektion asymptomatisch und wird dadurch gar nicht bemerkt. Bei der Mehrzahl der Infizierten heilt die Infektion folgenlos ab. In einigen Fällen können die Erreger jedoch im Körper verbleiben und zu Zellveränderungen führen bzw. Krebserkrankungen verursachen. Bei Frauen handelt es sich in der Regel um Gebärmutterhalskrebs. Bei Männern um Krebs in Mund- und Rachenbereich, sowie an Penis und Anus. Einige der HPV-Typen verursachen sog. Kondylome, die als Feigwarzen bekannt sind. Diese sind für die Betroffenen zwar ungefährlich, jedoch sehr lästig und störend.

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