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Stammzellen aus der Nabelschnur

Foto: Yuganov Konstantin via Shutterstock

Prof. Dr. med. Volker Ragosch ist Chefarzt der Frauenkliniken AK Altona und AK Harburg, Hamburg.

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Prof. Dr. med. Volker Ragosch

Chefarzt der Frauenkliniken AK Altona und AK Harburg, Hamburg

Im Interview beantwortet der Experte grundlegende Fragen rund um das Thema Stammzellen aus der Nabelschnur.

Wie lange gibt es schon die Möglichkeit, Stammzellen aus Nabelschnurblut einzulagern?

Grundsätzlich gibt es in Deutschland zwei Möglichkeiten: die individuelle Aufbewahrung für das Kind selbst und die Spende zum Einsatz bei einem fremden Patienten. Die individuelle Aufbewahrung von Nabelschnurblut-Stammzellen ist in den USA seit 1992 und in Europa seit 1997 möglich.

Welche Vorteile haben Stammzellen aus Nabelschnurblut?

Die Nabelschnur ist reich an Stamm- und Vorläuferzellen. Diese sind nicht nur jung und sehr teilungsfähig, sondern auch unbelastet, das heißt in der Regel frei von Viren und Krebszellen. Damit stellen sie auch für in der Entwicklung befindliche Projekte, wie die Gewinnung induzierter pluripotenter Stammzellen, die perfekte Quelle dar.

Und schließlich ein weiterer bedeutender Vorteil: Sie sind einfach und risikolos zu gewinnen und lassen sich durch fachgerechtes Einlagern für zukünftige Anwendungen dauerhaft aufbewahren.

Welche Vorteile hat ein Kind von einer Einlagerung?

Das Blut in der Nabelschnur und das Gewebe an sich sind eine fantastische Quelle für Stammzellen, die komplett mit den Gewebemerkmalen des Kindes übereinstimmen. Wir sehen schon heute, dass die Zahl der Indikationen und Anwendungen für Nabelschnurblut stetig steigt.

Wir denken aber, dass es erst dann richtig interessant wird, wenn die „kleinen Stammzelldepot-Besitzer“ in ein Alter kommen, in dem degenerative, also alterstypische Erkrankungen auftreten. Dann könnten junge, körpereigene Zellen im Rahmen von regenerativen Zelltherapien eingesetzt werden. Ich denke da vor allem an Herzinfarkt und Hirnschlag.

Solche Fälle sind freilich erst in einigen Jahren in großer Zahl zu erwarten. Die Forschung ist auf einem guten Weg, um Therapiemöglichkeiten mit eigenen Stammzellen anbieten zu können.

Gibt es Fälle, in denen von einer Einlagerung abgeraten wird?

Es gibt einige wenige Fälle, in denen eine Einlagerung gar nicht möglich ist. Beispielsweise wenn bei der werdenden Mutter eine schwere Infektion bekannt ist. Dazu gehören neben HIV oder Syphilis auch seltene Erkrankungen wie Tularämie oder Babesiose.

Für welche Krankheiten eignen sich die Stammzellen aus der Nabelschnur?

Heute sind Stammzellen bereits ein wichtiger Bestandteil bei der Therapie von einigen Dutzend Krankheiten. Der Schwerpunkt liegt dabei sicher noch im Bereich des Wiederaufbaus des blutbildenden Systems nach einer Hochdosis-Chemotherapie zum Beispiel im Rahmen einer Krebstherapie. Aber es gibt auch Anwendungen von Stammzellen zur Regeneration von Zellen und Geweben.

So werden bereits erfolgreich Herzklappen aus Stammzellen gezüchtet und die Folgen eines Herzinfarktes mit Stammzellen behandelt. Und man erwartet weitere Fortschritte beispielsweise für die Behandlung von Erkrankungen, bei denen Nervenzellen betroffen sind.

Gibt es einen konkreten Fall in Deutschland, wo einem Kind bereits mit Stammzellen aus der Nabelschnur geholfen werden konnte?

Da gibt es bereits einige. Ein gut dokumentierter Fall ist der aus Bochum. Im Januar 2009 wurde dort ein zweieinhalbjähriger Junge mit seinem eigenen Nabelschnurblut behandelt, der infolge eines Herzstillstands eine zerebrale Lähmung erlitten hatte. Die Prognose des kleinen Patienten war bedrohlich, wenn nicht hoffnungslos.

Doch schon eine Woche nach der Injektion zeigte der zuvor spastisch gelähmte, ständig wimmernde Junge erste Verbesserungen in Motorik und Verhalten, er hörte auf zu wimmern. Nach und nach lernte er wieder selbstständig zu essen, interagierte mit seiner Umwelt, lachte und fing an zu sprechen. Sein Wortschatz erweiterte sich stetig und er begann auch wieder zu laufen.

Zwar können die behandelnden Ärzte nicht eindeutig sagen, was die Ursache der Genesung ist. Aber ein Zusammenhang mit der Gabe des Nabelschnurbluts liegt auf der Hand.

Bis zu welchem Alter kann eine Behandlung vorgenommen werden?

Es besteht keine Altersgrenze für den Einsatz der Stammzellen. Das zeigt auch die Transplantationspraxis. Bereits 1998 veröffentlichte der Leiter des New York Blood Center, Dr. Pablo Rubinstein, eine umfangreiche Übersicht, bei der über die Transplantation von Stammzellen aus Nabelschnurblut bei 562 Patienten berichtet wurde. Der älteste Patient damals war 58 Jahre alt und der schwerste wog 116 Kilogramm.

Wenn die Stammzellen aus Nabelschnurblut so wertvoll sind, wieso lagern nicht alle werdenden Eltern ein?

Viele Eltern wissen noch zu wenig über Nabelschnurblut. Und sie sind in der Regel mit dem Thema nicht so vertraut, sodass sie es schwer haben, die Möglichkeiten einzuschätzen. Da sind auch wir Gynäkologen gefragt, werdende Eltern aufzuklären. In unserer Klinik informieren wir aktiv und unterstützen werdende Eltern gerne, indem wir Fragen beantworten, die das Vorgehen bei der Geburt erklären.

Vor diesem Hintergrund ist es auf jeden Fall sinnvoll, als Arzt über das Thema Stammzellen und Nabelschnurblut informiert zu sein, um Fragen fachgerecht beantworten zu können.

Würden Sie Schwangeren die Einlagerung des autologen Nabelschnurblutes empfehlen?

Zumindest halte ich die umfangreiche Aufklärung der Schwangeren für zeitgemäß und notwendig. Die Entscheidung, ob das Nabelschnurblut für das eigene Kind im Sinne einer „persönlichen Versicherung“ eingelagert wird, obliegt alleine den werdenden Eltern.

Das Nabelschnurblut meiner eigenen Kinder jedenfalls haben meine Frau und ich einlagern lassen.

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