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Meine Familie

Warum Präsenz wichtiger ist als Perfektion

Fotos: Jennifer Wiemann

Jonas Kozi (@jonaskozi) startete nach seiner Ausbildung voller Enthusiasmus und Idealismus in den Erzieherberuf, musste jedoch schnell feststellen, wie stark Anspruch und Realität in Kitas auseinandergehen. Über die Station als Kita-Leiter führte ihn sein Weg schließlich in die Selbstständigkeit, wo er heute auf Instagram über Familie, Vaterschaft und Rollenbilder spricht. Geprägt von seiner eigenen Vaterschaft setzt er sich dafür ein, ein moderneres Verständnis von Männlichkeit zu etablieren und gesellschaftliche Denkmuster zu hinterfragen.

Jonas Kozi

Papa², Erzieher, Ex-Kita-Leiter und Kinderbuchautor

Mehr Einblicke auf Instagram!

Lieber Jonas, was war deiner Meinung nach die größte Veränderung, die deine eigenen Kinder auf dein durch die Kita geprägtes Elternbild hatten?

Ich habe durch meine eigenen Kinder vor allem ein viel tieferes Verständnis für den Alltag von Eltern entwickelt. Man merkt erst dann wirklich, was es bedeutet, nicht nur für sich selbst verantwortlich zu sein, sondern für andere Menschen gleich mit. Was Eltern oft schon vor Arbeitsbeginn leisten, wird gesellschaftlich viel zu wenig gesehen. Gerade Themen wie Mental Load und Care-Arbeit bekommen dadurch eine ganz andere Bedeutung. Ich finde es schade, dass das oft noch unterschätzt wird, obwohl es so viel Einfluss auf den Alltag und das Wohlbefinden von Familien hat.

Welche Tipps hast du für Eltern, was die Aufteilung von Care-Arbeit zu Hause anbelangt?

Mir ist wichtig zu betonen, dass man sich zunächst überhaupt bewusst machen muss, was Mental Load bedeutet und wie viel davon jede Person trägt. Eine Übung, die ich gerne empfehle, ist, im Alltag sichtbar zu machen, woran man alles denkt und was man organisiert – zum Beispiel mit kleinen Notizen. Am Ende des Tages wird oft erst klar, wie viel im Hintergrund läuft. Der wichtigste Schlüssel ist für mich Kommunikation. Gleichzeitig sehe ich in meiner Arbeit, dass viele Männer sich diesem Thema noch entziehen oder es unterschätzen. Da braucht es ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein. Es reicht nicht, einzelne Aufgaben zu übernehmen – es geht darum, Verantwortung ganzheitlich zu tragen.

Welche Erfahrungen hast du in der Rolle einer männlichen Bezugsperson in den Kitas für Kinder gemacht?

Ich wünsche mir tatsächlich, dass jede Kita mindestens einen männlichen Erzieher hat. Für Kinder ist es unglaublich bereichernd, unterschiedliche Vorbilder zu erleben. Gerade in einer Zeit, in der viele Kinder nicht mit beiden Elternteilen aufwachsen, kann das eine wichtige Rolle spielen. Als Erzieher hat man eine große Vorbildfunktion. Wenn Kinder sehen, dass Männer trösten, kochen oder emotional präsent sind, erweitert das ihr Verständnis von Rollenbildern. Das hat nicht nur Auswirkungen auf ihre persönliche Entwicklung, sondern auch auf unsere Gesellschaft insgesamt.

Diversität sollte für Kinder von Anfang an selbstverständlich sein.

Welchen Ratschlag würdest du Eltern geben, was die Eingewöhnung in der Kita und den Übergang von der Kita in die Schule anbelangt?

Ich glaube nicht, dass es den einen richtigen Weg gibt, weil Übergänge immer sehr individuell sind und stark von den jeweiligen Kindern abhängen. Was ich aber wichtig finde: Kinder früh darin zu stärken, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu äußern. Außerdem braucht es bei solchen Übergängen vor allem Zeit, Ruhe und Präsenz. Für Kinder sind das große Schritte, die eng begleitet werden sollten. Ich sehe es kritisch, wenn Eingewöhnungen zu schnell durchgezogen werden. Diese Prozesse sollten auf Augenhöhe und im Tempo des Kindes stattfinden.

Was bedeutet denn Vatersein für dich und was würdest du anderen Vätern ans Herz legen, die vielleicht eine tiefere Bindung zu ihren Kindern aufbauen wollen?

Für mich bedeutet Vatersein vor allem eines: präsent zu sein.

Kinder profitieren am meisten davon, wenn wir wirklich da sind – nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Es geht darum, aktiv Zeit miteinander zu verbringen und am Leben des Kindes teilzuhaben. Ich glaube, viele unterschätzen, wie wichtig diese Qualität der gemeinsamen Zeit ist.

Es geht nicht um Perfektion, sondern um Verlässlichkeit und echtes Interesse.

Wie können Väter im Familiengefüge auch auf ihre eigene Gesundheit mehr Acht geben?

Ich finde, wir müssen als Gesellschaft viel stärker über mentale Gesundheit sprechen. Es darf kein Tabuthema mehr sein. Gleichzeitig braucht es ein Umdenken weg von ständigem Leistungsdruck hin zu mehr Achtsamkeit im Alltag. Jeder muss für sich herausfinden, was ihm guttut – sei es Sport, Lesen oder Gespräche. Wichtig ist, sich selbst ernst zu nehmen und sich aktiv um das eigene Wohlbefinden zu kümmern.

Was sollten frischgebackene Eltern deiner Meinung nach auch von ihren eigenen Erlebnissen als Kinder im Hinterkopf behalten, wenn es darum geht, ein Kind großzuziehen?

Eigene Kinder bringen einen oft dazu, sich mit der eigenen Kindheit auseinanderzusetzen. Das kann sehr schön sein, aber auch herausfordernd. Plötzlich kommen Erinnerungen oder Gefühle hoch, die man vielleicht lange verdrängt hat. Ich glaube, es ist wichtig, sich diesen Themen zu stellen und sie zu reflektieren. Kinder halten uns oft einen Spiegel vor. Gleichzeitig darf jede Familie ihren eigenen Weg gehen – es gibt kein allgemeingültiges Konzept. Der wichtigste Punkt für mich ist offene und ehrliche Kommunikation. Wenn man merkt, dass etwas nicht funktioniert, sollte man darüber sprechen und gemeinsam Lösungen finden.

Jede Familie ist individuell – und genau das sollte auch so sein.

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