In keinem anderen Land wird so leidenschaftlich über Bildung diskutiert wie in Deutschland. Hierzulande werden Bildungsfragen von Erwachsenen häufig als Glaubenskriege geführt. Dabei geht es in erster Linie um die Kinder. Wie soll Kindern Wissen vermittelt werden?

Oder anders gefragt: Wie sollen die Jüngsten Wissen erfahren? Ein Ansatz, den Professor Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis vertritt,  ist die Ko-Konstruktion.

Definiert wird er simpel und einfach: Lernen findet durch Zusammenarbeit statt. Doch in einem Land, in dem Wissensvermittlung immer noch bei vielen als Vermittlung und Eintrichtern von Fakten gilt, scheint dieser Ansatz revolutionär zu sein.

„Lernprozesse werden von Kindern und Fachkräften gemeinsam gestaltet, die soziale Interaktion ist der Schlüssel zur Wissens- und Sinnkonstruktion. Ko-Konstruktion beruft sich auf die Auffassung des sozialen Konstruktivismus, wonach Lernen durch Zusammenarbeit stattfindet, also „ko“-konstruiert wird“, erläutert Professor Fthenakis.

Fakten

  1. Auch wenn audiovisuelle Medien wie der Computer und das Internet inzwischen auch in die Kitas Einzug gehalten haben, spielen Bücher eine besonders große Rolle bei Kindern.
  2. Gemeinsames Anschauen von Büchern zusammen mit Erwachsenen stärkt die verbale und die nonverbale Kommunikation.
  3. Ein gutes Kinderbuch regt zum Mitfiebern an, fasst Situationen aus dem Kinderalltag liebevoll in Worte und weckt durch Geschichten oder Verse das Interesse an Sprache. Bei guten Büchern entsteht der Austausch zwischen Kindern und Erwachsenen – im besten Fall wird für die Jüngsten dann das Vorlesen zum Miterleben.
  4. So können auf spielerische Art und Weise Kinder sowohl im gemeinsamen Austausch untereinander als auch mit Eltern oder Erziehern Neues lernen und entdecken.

Wissen durch Erforschung

Im Vordergrund steht bei der Ko-Konstruktion von Wissen die Erforschung von Bedeutungen, weniger der Erwerb von Fakten. In ko-konstruktiven Lernprozessen lernen Kinder, wie man gemeinsam mit Erwachsenen partnerschaftlich, Fthenakis spricht hier von „Lerngemeinschaften“, Probleme löst, Bedeutungen und ihr Verständnis von Dingen und Prozessen teilt, diskutiert und aushandelt.

„Der Schlüssel für höhere Bildungsqualität mittels der Ko-Konstruktion ist die soziale Interaktion“, erläutert der Bildungsexperte.Bedeutungen zu erforschen, heißt, Dinge nicht nur zu entdecken, sondern sie auszudrücken und mit anderen zu teilen, andererseits aber auch Ideen anderer anzuerkennen und vor allem ihre Bedeutung, ihren Sinn zu begreifen.

Medienkompetenz

„Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz, die unabhängig von der Entwicklungsstufe eines Kindes gestärkt werden sollte. Im Umgang mit Medien lassen sich beispielsweise lernmethodische Kompetenzen entwickeln.

Das Kind sammelt Erfahrungen im Umgang mit Medien, lernt, sie für eigene Anliegen, für Fragen und für sozialen Austausch zu nutzen, aber auch den eigenen Umgang mit Medien zu verarbeiten und zu reflektieren, und nicht zuletzt lernen Kinder Medienprodukte kritisch zu hinterfragen. 

Es gibt übrigens keine wissenschaftliche Erkenntnis, wonach die Medien an sich Risiken für die kindliche Entwicklung bergen. Entscheidend sind die Inhalte und pädagogische Qualität.“

„Ko-Konstruktion erforscht also die Bedeutung, den Sinn des Phänomens und beschränkt sich nicht auf den Erwerb von Fakten.  Die Ko-Konstruktion geht Dingen auf den Grund. Die Erforschung von Bedeutungen ist somit ein ko-konstruktiver Prozess, in dem Kinder und Erwachsene in einer Gemeinschaft ihr Verständnis und ihre Interpretation von Dingen miteinander diskutieren und aushandeln ...

Ko-Konstruktion ermuntert jedes Kind, seine eigenen Ideen zu entwickeln und sie den anderen Kindern mitzuteilen, mit ihnen darüber zu diskutieren. Sie ist ein pädagogisch-didaktischer Ansatz, der keine passiven Partner kennt, und sie schafft eine diskursive Atmosphäre, die wiederum eine exzellente Grundlage nicht nur für die Stärkung des kindlichen Selbst, sondern auch von Sprachkompetenz bietet“, so Professor Fthenakis.