Dinku kann es kaum erwarten, bis es mit der SOS-Ausbildungsfarm losgeht! Die 14-Jährige möchte dort einen landwirtschaftlichen Beruf erlernen. Dass Dinku voller Vorfreude in die Zukunft blickt, ist nicht selbstverständlich, denn sie hat Schlimmes erlebt: Als sie zehn Jahre alt war, wurde ihr Vater getötet.

Nach diesem Schicksalsschlag suchte und fand Dinkus Mutter Unterstützung bei der Familienhilfe der SOS-Kinderdörfer in Owu-Ijebu im Südwesten Nigerias. SOS half der jungen Witwe und ihren fünf Kindern unter anderem mit Schulgeld. Zudem erhielt die Familie Unterstützung dabei, durch den Anbau und Verkauf von Gemüse ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften.

Die Jugendlichen erleben während ihrer Ausbildung, dass Landwirtschaft Spaß macht und sich gut davon leben lässt.

Das Bildungsangebot des SOS-Agrarprojekts qualifiziert die Lernenden für die Anforderungen des lokalen Arbeitsmarkts und ebnet ihnen den Weg für ein selbstbestimmtes Leben. Insgesamt rund 1.300 Jugendliche werden in verschiedenen Kursen von drei Monaten bis zu vier Jahren theoretische und praktische Grundlagen einer modernen, mechanisierten Landwirtschaft vermittelt. Vor allem junge Frauen sollen gefördert werden, da ihre Ausbildungs- und Berufschancen in Nigeria besonders schlecht sind.

Bislang war Landwirtschaft in Nigeria gleichbedeutend mit körperlich harter Arbeit, die nicht genug Nahrung zum Sattwerden geschweige denn Geld einbrachte. Das wollen die SOS-Kinderdörfer ändern. Die Jugendlichen erleben während ihrer Ausbildung, dass Landwirtschaft Spaß macht und sich gut davon leben lässt.

Dadurch wird ihre Abwanderung in die Städte oder eine lebensgefährliche Flucht ins Ausland verhindert und die Wirtschaftskraft der Region gestärkt. Das Land wartet förmlich darauf, endlich genutzt zu werden und bietet Jugendlichen wie Dinku eine echte Zukunftsperspektive.

 

SOS-Kinderdörfer weltweit

Interview mit Christian Paulmann, einem SOS-Mitarbeiter, zur Lage in Nigeria.

Sie sind vor drei Wochen aus Nigeria zurückgekommen. Bitte schildern Sie die Lage vor Ort.

Es ist schwer, ein Land, das dreimal so groß ist wie Deutschland und fast 190 Millionen Einwohner hat, in einem Satz zur Lage der Nation zu beschreiben. Nigeria ist sehr komplex, hat einen schwer kranken Präsidenten, der das Land kaum bewegen kann, nutzt seine Ölreserven kaum zur Ankurbelung der eigenen Wirtschaft und darunter leidet die Bevölkerung.

Existenznöte allerorten. Im Norden des Landes können 70 Prozent der jungen Frauen weder lesen noch schreiben, der Bildungsbedarf im ganzen Land ist riesig. Aber ich habe auch viele wirklich engagierte, smarte junge Nigerianer/-innen kennengelernt, die an einer besseren Zukunft arbeiten wollen. Für sich und für das Land!

Was hat Sie besonders berührt?

Die Kraft und Entschlossenheit der Menschen, trotz widrigster Bedingungen ihr Leben in die Hand zu nehmen und etwas aus sich zu machen. Ich habe eine SOS-Mutter kennengelernt, die in der Gemeinde und damit außerhalb unseres Kinderdorfes in einem Pilotprojekt ihre neun Kinder alleine großzieht und versorgt, sich trotzdem nebenher selbstständig macht und bei allem zuversichtlich und voller Zuneigung bleibt. Wer würde das bei uns schaffen? Hier verlässt man sich gerne auf den Staat, dort muss sich jeder selbst retten.

Was geschockt?

Lagos! Eine Stadt mit weit mehr als 20 Millionen Einwohnern auf vergleichsweise wenig Grundfläche. Und die Anziehung ist groß, die Zuwanderung steigt nach wie vor. Obwohl die Menschen auf dem Land „besser“ klarkommen, zieht sie die Hoffnung ins vermeintliche Glück.

Kinder brauchen Halt und Unterstützung, eine Lobby für ihre Rechte.

Ich sah dort an sechsspurigen Straßen Mütter mit ihren Babys und Kleinkindern am Mittelstreifen sitzen, um sich etwas Kleingeld zu erbetteln. Hunderte Kinder driften täglich durch die endlosen Staus der Stadt, um dort Getränke oder Snacks zu verkaufen, anstatt in die Schule zu gehen. Das ist Wahnsinn!

Was muss geschehen, damit sich diese Situation verändert?

Bildung, Bildung, Bildung. Das Land muss die Krise endlich angehen: Politiker, lokale Größen, Kirchen, Firmen und Hilfsorganisationen müssen zusammenstehen und gemeinsam daran arbeiten, das Bildungsniveau anzuheben.

Nur wenn die Gesellschaft erkennt, wie wichtig ihre Kinder sind, kann sie ihre Zukunft selbst entwickeln.

Jedes zusätzliche Jahr Schule oder Ausbildung steigert zum Beispiel bei jungen Mädchen die Fähigkeit, später ihr Einkommen selbst zu bestreiten, um bis zu zehn Prozent. Partnerschaften müssen gebildet werden, damit die Aktionen der Beteiligten zusammenlaufen. Wir kooperieren zum Beispiel mit einem staatlichen Agrarinstitut, das unsere Schützlinge bei der landwirtschaftlichen Ausbildung unterstützt.

Und nicht zuletzt: Kinder brauchen Halt und Unterstützung, eine Lobby für ihre Rechte. Nur wenn die Gesellschaft erkennt, wie wichtig ihre Kinder sind, kann sie ihre Zukunft selbst entwickeln und sich von fremder Hilfe lösen.

Wann reisen Sie wieder nach Nigeria?

Ich war vor meinem jüngsten Aufenthalt bereits Mitte 2015 dort und konnte nach fast zwei Jahren die vielversprechenden Entwicklungen sehen. Ich hoffe, dass ich 2019 wieder die Chance bekomme, im wahrsten Sinne des Wortes die Früchte der Arbeit zu sehen.

Weitere Informationen

Weitere Informationen erhalten Sie auf www.sos-kinderdoerfer.de/agrarprojekt-nigeria.