Welche Tipps geben Sie jungen Schulabgängern in Bezug auf Bildung und Verbesserung der eigenen Berufschancen?

Fern der Theorie sollten sie herausfinden, was ihnen Spaß macht und wo ihre Neigungen und Begabungen liegen. Nicht zu unterschätzen sind die Kulturtechniken, also fundamentale Fähigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Eventuell kommen Grundlagenkenntnisse in der Programmierung hinzu, um die Hintergründe der Digitalisierung besser zu verstehen.

Was raten Sie bereits Berufstätigen für eine geeignete Weiterbildung?

Zum einen ist für sie die inhaltliche Weiterbildung im jeweiligen Fachbereich entscheidend. Es gibt aktuell eine Studie der Bertelsmann Stiftung zum dualen Ausbildungssystem. Sie hat herausgefunden, dass die typisch deutsche und sehr starke Orientierung auf den einen Beruf nicht immer das nötige Bewusstsein für Wandel und Veränderung schafft.

So wie sich die Wirtschaft und Gesellschaft weiter entwickelt, muss das eben auch jeder Einzelne tun.

Wer endlich seinen Meister in der Tasche hat, glaubt fälschlicherweise, dass ihm diese Ausbildung nun für immer reichen würde. Dagegen gibt es Berufsgruppen wie zum Beispiel Ärzte oder Sozialpädagogen, die sich zwingend permanent weiterentwickeln müssen. Dieses Bewusstsein sollte noch stärker in der Breite propagiert werden.

Zum anderen muss jeder einzelne aber auch seine Kompetenzen erweitern, wie er allgemein mit Veränderungen und ungewohnten Umgebungen umgeht – ob nun im Extremfall eines Arbeitsplatzverlustes oder wegen langfristiger Veränderungen durch die Digitalisierung oder Globalisierung. Im weitesten Sinne helfen hier zum Beispiel Trainings im Bereich Vertrieb oder Kommunikation, aber auch zur Selbstwirksamkeit.

Ein modernes Schlagwort ist bekanntlich das „lebenslange Lernen“.

Das klingt für viele erstmal beängstigend, ein wenig wie „lebenslänglich“. Ich würde von lebensbegleitendem Lernen sprechen. So wie sich die Wirtschaft und Gesellschaft weiter entwickelt, muss das eben auch jeder Einzelne tun.

Dass nichts so bleibt, wie es ist, wirkt für viele beängstigend. In der Psychologie gibt es den Begriff der Resilienz. Wie geht man mit Rückschlägen und unerwarteten Situationen um? Entscheidend ist dann das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Mit ihr fühlt man sich nicht als Rad im Getriebe, sondern lernt, dass man immer selbst auch Einfluss nehmen kann.

Wie ist es generell um den Bildungsstandort Deutschland bestellt?

Allgemeinbildende Schulen sind nach wie vor immer noch ein System, das trotz der Praktika häufig abgesondert von der realen beruflichen Welt existiert. Vorsichtig formuliert, sind einige Lehrer noch „weltfremd“. Sie wissen zu wenig von den Anforderungen im Beruf. Hier fehlt es an Fortbildung.

Ziel ist, das Lernen für die verschiedenen Aufnahmekanäle der Jugendlichen attraktiver zu machen.

In Deutschland kommt hinzu, dass die 16 Bundesländer über ihre Kulturhoheit verfügen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es oft schwieriger ist, eine Regelung in 16 Bundesländern zu verabschieden, als in 27 EU-Mitgliedsstaaten.

Aber gerade in der Digitalisierung sind die Zeiträume der Entwicklung immer kürzer und komplexer geworden. Da ist es unvorstellbar, dass jedes Bundesland vor sich hinarbeitet und eine eigene Didaktik entwickelt – anstatt eine Vereinheitlichung anzustreben.

Nach meiner Meinung braucht es nicht so sehr neue Infrastruktur und Geräte, die natürlich auch notwendig sind und in die gerade investiert wird. Schulen können stattdessen gut von der beruflichen Bildung lernen, wie der Unterricht mit neuen Methoden, wie zum Beispiel Lernvideos, angereichert wird.

Ziel ist, das Lernen für die verschiedenen Aufnahmekanäle der Jugendlichen attraktiver zu machen. Es ist faszinierend zu sehen, welche Apps es inzwischen gibt, um Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Lernzielkontrolle ist mit diesen Applikationen längst individualisiert möglich.