Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis ist Experte für Frühpädagogik, gefragter Sachverständiger und Politikberater. Er hat das Projekt „Natur-Wissen schaffen“ an der Universität Bremen geleitet und sprach mit uns über die Defizite in der frühkindlichen Bildung und den Ausweg aus der Misere.

Prof. Dr. Fthenakis, inwiefern beginnt lebenslanges Lernen bereits in der Kita?

Wenn man das Lernen als Stärkung kindlicher Entwicklung und kindlicher Kompetenzen auffasst, dann muss man wissen, dass diese Kompetenzen sich früh entwickeln. Insofern macht es Sinn, mit frühen Lernprozessen diese Chance zu nutzen. Kinder kommen mit natürlicher Lernneugier auf die Welt. Wir müssen ihr gerecht werden, was bislang nicht immer der Fall war.

Bitte gehen Sie näher darauf ein.

Wir haben lange Zeit überholtes Verständnis von Bildung und Lernen vertreten. Lernen wird heute neu definiert. Nicht nur im Sinne des Wissenserwerbs, sondern im Sinne der Stärkung kindlicher Entwicklung. Dies wiederum erfolgt auf dem Weg der Interaktion in konkreten Situationen des Alltags und in Kommunikation mit Erwachsenen und anderen Kindern. Diese Prozesse beginnen unmittelbar nach der Geburt.

Wie beurteilen Sie die derzeitige Ausbildungsqualität von Erziehern?

Wir haben ein großes Defizit, das überwunden werden muss. Wir haben zwar einen neuen, länderübergreifenden Ausbildungsplan, der jetzt umgesetzt werden muss, aber hier werden die Fachschulen und –akademien größtenteils alleingelassen, sie wurden bisher in keine Bildungsreform einbezogen.

Außerdem brauchen wir ein neues Ausbildungskonzept, dass die Fachkräfte befähigt den neuen Herausforderungen, was die Organisation früher Lernprozesse betrifft, gerecht zu werden, diese zu beobachten und zu dokumentieren – auch mit der Familie und anderen außerhalb befindlichen Bildungsorten Bildungspartnerschaften zu stiften und diese aktiv mit einzubeziehen.

Dafür sind die Fachkräfte nicht angemessen vorbereitet. Wir brauchen eine tief greifende Form der Qualifizierung von Erziehern. 

Und wie könnte diese aussehen?

Wir haben an der Universität Bremen ein solches Konzept entwickelt. Dies baut auf drei Säulen auf: Es vermittelt das notwendige Wissen über frühkindliche Entwicklungsprozesse, es stärkt die individuellen Kompetenzen der Fachkräfte beziehungsweise der Studierenden, damit sie lernen, diese später bei den Kindern zu stärken.

Zudem vermitteln wir neun Kompetenzbereiche, wie zum Beispiel Interaktionskompetenz, Reflexionskompetenz, Forschungskompetenz, Vernetzungskompetenz und vieles mehr. Wir brauchen an sich ein konsistentes Ausbildungskonzept, was es bislang nicht gibt, und dieses sollte auf den zuvor genannten Säulen aufbauen.

Worauf kommt es an, damit aus frühkindlicher Forderung keine Überforderung wird?

Wenn wir kindgerechte und entwicklungsangemessene Bildungsprozesse organisieren, haben wir keine Überforderung. Momentan haben wir eher mit dem Gegenteil zu kämpfen, die Kinder sind unterfordert. Das ist das große Problem.

Wir können den Kindern mit ihrer natürlichen und ausgeprägten Lernneugier nicht ganz gerecht werden. Auch aus diesem Grund ist ein reformiertes Ausbildungskonzept von großer Bedeutung.

Was genau bedeutet „Medienbildung“ und welchen Beitrag können Eltern und Erzieher hierzu leisten?

Medienbildung bedeutet lernen mit allen medialen Möglichkeiten – vom Fernseher über Smartphone bis hin zum Tablet. Medienbildung beginnt bereits im Kindergarten, und zwar deshalb, weil die Kinder heute in einer medialen Welt aufwachsen, Erfahrungen damit gewinnen, und darum macht es Sinn, auch diese Medienkompetenz früh zu stärken. Wir haben einen Band darüber publiziert mit dem Titel „Frühe Medienbildung“, der bundesweit implementiert wird.

Was sieht dieses Konzept vor?

Es sieht vor, dass man Alltagserfahrungen mit Medien gewinnt, aber auch, dass die Kinder auch über diese Alltagserfahrungen berichten. Zweitens, dass die Kinder Medien auch nutzen, um sich selbst auszudrücken, und Medien als Mittel zum emotionalen, sozialen Ausdruck verwenden.

Drittens werden Medien systematisch eingesetzt, um den Lernprozess zu unterstützen. Mit Medien kann man Bildungsprozesse sehr gut dokumentieren, und schließlich vermitteln wir den Kindern auch den konstruktiv kritischen Umgang mit den Medien.

Bitte nennen Sie uns ein Beispiel.

Sie müssen beispielsweise lernen, dass hinter einer Werbung bestimmte Absichten stecken, dass diese Werbewelt eine gemachte Welt ist, und sie müssen lernen, auch hinter die Kulissen zu blicken, um solche Dinge zu erkennen.

Gibt es auch zu viel Medieneinwirkung für Kinder?

Es gibt bisher keine Studie, die bestätigt, dass Medienkonsum ein Problem ausmacht. Das Problem sind eher die Inhalte. Darum sollte man den Peak mehr auf das richten, was die Medien vermitteln, und weniger auf die Medien selbst.