Herr Hofmann, lassen Sie uns kurz über die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen sprechen. Was bedeutet diese für Deutschland?

In Deutschland ist die Kinderrechtskonvention am 5. April 1992 in Kraft getreten, wenn auch zunächst mit Vorbehalten. Durch die Rücknahme der Vorbehaltserklärung am 15. Juli 2010 hat die Bundesregierung zum Ausdruck gebracht, dass kein innerstaatlicher Anwendungsvorbehalt mehr besteht. Seitdem gilt die Konvention uneingeschränkt für alle in Deutschland lebenden Kinder.

„In Deutschland ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen.“

Auch das Recht auf Bildung ist ein Kinderrecht. Doch leider führt vermehrte Kinderarmut auch zu Bildungsarmut. Woran liegt das?

Erst im Juni dieses Jahres wurden im Rahmen der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes wieder altbekannte Verhältnisse deutlich: Von 100 Kindern aus Akademikerhaushalten nehmen 77 ein Studium auf. Von 100 Kindern aus nichtakademischen Haushalten sind das gerade mal 23.

Das hat vielfältige Gründe. Einerseits natürlich die Bildungsherkunft der Eltern, die oft selbst keine positiven Erfahrungen mit Schule gemacht haben und ihren Kindern ein entsprechendes Bild von Schule vermitteln.

Hier haben die Kinder trotz hoher Intelligenz und guten Schulleistungen einfach nicht die notwendige Unterstützung, um sich den Besuch des Gymnasiums zuzutrauen. Was natürlich auch eine Rolle spielt, ist die fehlende Fähigkeit vieler Eltern gerade aus bildungsfernen Milieus, ihrem Kind bei den Hausaufgaben zu helfen.

Zudem fällt die ökonomische Situation in den Elternhäusern gerade beim Thema Nachhilfeunterricht ins Gewicht. Man kann hier oft auch ganz einfach von Bildungsvererbung sprechen.
 
Was kann man dagegen tun?

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert ein nationales Programm zur Bekämpfung der Kinderarmut. Dazu muss es ein umfangreiches Maßnahmenpaket mit konkreten Zielvorgaben geben, bei dem es sowohl darum geht, materielle Verteilungsgerechtigkeit herzustellen als auch verbesserte Bildungschancen für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche zu schaffen.

Soziale Sicherheit für Kinder und Bildungsgerechtigkeit sollten in einer der reichsten Industrienationen der Welt eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Die Realität sieht aber seit vielen Jahren anders aus. In Deutschland ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen und vielfach entscheidet der Geldbeutel der Eltern über die Bildungschancen von Kindern. Die nicht geringen Kosten für die Beseitigung von Kinderarmut dürfen nicht zu einer Blockadehaltung führen.

Nichts kann wichtiger sein, als in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und unserer Gesellschaft zu investieren. Es kommt also vor allem auf den politischen Gestaltungswillen von Regierungen und Parlamenten an, um Kinderarmut in Deutschland zu überwinden und allen Kindern und Jugendlichen ein chancengerechteres Aufwachsen zu ermöglichen.


Was muss Ihrer Meinung nach in Deutschland geändert werden, damit jedes Kind sein Talent und somit auch Bildung leben kann?

Zur Bildungsgerechtigkeit gehören ein nach oben durchlässiges Schulsystem, ein längeres gemeinsames Lernen, individuelle Förderprogramme für benachteiligte Schülerinnen und Schüler, der flächendeckende Ausbau der Ganztagsschule und Lernmittelfreiheit.

An dieser Stelle gilt es, finanzielle Spielräume zu nutzen, um herkunftsbedingte Bildungsbenachteiligungen auszugleichen und das Recht der Kinder auf Bildung auf der Grundlage der Chancengleichheit durchzusetzen.

Das alles kostet natürlich Geld. Hier muss auch der Bund einbezogen werden, deshalb: Weg mit dem Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Schulpolitik! Sonst gibt es beispielsweise kein Geld für den Ausbau der Ganztagsschulen.

Die zehn wichtigsten Kinderrechte

Das Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung, unabhängig von Religion, Herkunft und Geschlecht

Das Recht auf einen eigenen Namen und eine Staatszugehörigkeit.

Das Recht auf Gesundheit.

Das Recht auf Bildung und Ausbildung.

Das Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung.

Das Recht auf eine eigene Meinung.

Das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung und eine Privatsphäre.

Das Recht auf sofortige Hilfe in Katastrophen und Notlagen wie Armut, Hunger und Krieg und auf Schutz vor Vernachlässigung, Ausnutzung und Verfolgung.

Das Recht auf eine Familie, elterliche Fürsorge und ein sicheres Zuhause.

Das Recht auf Betreuung bei Behinderung.