Unsere Identität, soziale Rolle und unser Selbstwert werden vermehrt durch Leistungsaspekte bestimmt, sodass wir oft Zuwendung, Aufmerksamkeit und Bewunderung vermeintlich nur über Erfolg erlangen können. Hier geht es zunehmend auch um die psychosozialen und sozioemotionalen Lebensfelder. So soll das Kind brav sein, um die Eltern nicht zu belasten, soll bei seelisch belasteten Eltern zum Beispiel durch Trennung sogar Unterstützer, Tröster sein, evtl. will es aber auch mit der eigenen Symptomatik einfach nur von der elterlichen Not ablenken.

 

Narziss scheitert nicht daran, dass er sich in sich selbst verliebt, sondern, dass er sich in jemanden verliebt von dem er nicht erkennt, dass er es schon selber ist!


Mit Eintritt in die Pubertät und den ganz eigenen Bedarfen nach Neuorientierung und Wiedererlangung der eigenen Identität und Stabilität kommen diese Kinder leider ins Schleudern und ihre Familien mit ihnen, da die wechselseitige Abhängigkeit sich im Gegensatz zu früher deutlich erhöht hat.  Hier spielt dann auch der „Parenterale Narzissmus“ eine große Rolle, in dem es um den emotionalen Erfolg als Eltern in unserer Gesellschaft geht: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sind die besten Eltern im ganzen Land?!" dies auch mit Äußerungen gegenüber den Kindern, dass ja nicht die formalen Leistungen im Vordergrund stehen und sie sich deswegen nicht unter Druck setzen sollen, sondern allein ihr persönliches Glück zähle - einen unerfüllbareren Auftrag können Eltern nicht erteilen: „Sei glücklich! – am besten durch mich!“
In diesem komplexen, neurotischen Feld kommt es zu zahlreichen Kränkungen, Irritationen und Verunsicherungen, die dann auf der Ebene des Kindes mit Symptombildung einhergehen können, dies kann dann zu Prüfungsangst, Depression, Schulvermeidung, aber auch zu Anorexie, Selbstverletzung und Drogenkonsum führen. Letztendlich kann ein ganzes familiäres System durch solche Aspekte ins Trudeln geraten.

Die Diskrepanz zwischen dem familiär kollektiven Selbstwertgefühl und dem höchsten, eigentlich nicht erreichbaren Anspruch sowohl an sich selbst als auch durch die mitgedachten Anderen, lassen diese Familien dann hinter ihren Möglichkeiten bleiben. Wir sehen in unserem klinischen Kontext eine Zunahme dieser intrafamiliären Problematik, und begegnen dieser Not durch intensive psychotherapeutische Maßnahmen gerade im Kindes- und Jugendalter um noch frühzeitig hilfreich zu intervenieren, und die Symptome dann nicht auf oberflächliche Aspekte wie eine Störung des Sozialverhaltens, ADHS oder Mediensucht zu reduzieren, sondern mit der gesamten Familie die komplexen Gefüge offen und transparent enttabuisiert zu kommunizieren.

Narziss scheitert nicht daran, dass er sich in sich selbst verliebt, sondern, dass er sich in jemanden verliebt (sein Spiegelbild im Wasser) von dem er nicht erkennt, dass er es schon selber ist, und darum meint, er müsse jemand anderes sein, was dazu führt, dass er ein ganz anderer, ein viel Schlechterer, als er hätte sein können wird.
Darin liegt die eigentliche Tragik