Wenn am Internationalen Kindertag für zumindest 24 Stunden die Belange und Rechte unserer Jüngsten weltweit ins öffentliche Interesse rücken, bietet dies die Möglichkeit zur Bestandsaufnahme. Was ist gut? Was kann verbessert werden?

Die zweite Frage werden viele Kinder und Eltern sicherlich ohne lange überlegen zu müssen, mit „eine ganze Menge“ beantworten. Denn viel zu viele müssen jeden Tag um Selbstverständliches kämpfen: um Anerkennung, um die Chance, ihre Zukunftsträume zu verwirklichen, um das Recht auf einen Platz mitten in unserer Gesellschaft und nicht bloß am Rand. So wie die über 500.000 Kinder und Jugendlichen mit ADHS.

Verkanntes Leid

Nach Schätzung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) haben bis zu 30 Prozent der Heranwachsenden psychische Probleme. Am häufigsten seien Ängste, auffälliges Sozialverhalten, depressive Verstimmungen und ADHS.

Dabei ist die Situation insbesondere bei ADHS paradox: Immer wieder wird über falsche Diagnosen und die richtige Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung diskutiert, während es nach wie vor zu wenig spezialisierte Ärzte gibt und viele Betroffene erst spät oder gar nicht erkannt werden.

Bis eine gesicherte Diagnose gestellt und eine wirksame Behandlung begonnen wird, können Jahre vergehen – ein langer Leidensweg für die betroffenen Kinder und ihre Familien. „Die öffentliche Diskussion um ADHS findet häufig zulasten der Betroffenen statt“, meint Dr. Myriam Menter vom Selbsthilfeverband ADHS Deutschland e. V..

Immer wieder ist von Eltern die Rede, die nicht erziehen können, ihre Kinder ruhigstellen oder deren Schulleistung mithilfe von Medikamenten verbessern wollen. „Das hat mit der wirklichen Situation der Betroffenen nichts zu tun“, so Menter.

Der Klassenclown bleibt allein

Doch was bedeutet es, mit ADHS zu leben? Oft sind es nicht die ADHS-Symptome selbst, unter denen Kinder und Jugendliche leiden, sondern die Konflikte, die daraus im Alltag entstehen.

Diese beginnen oft bereits morgens mit Auseinandersetzungen in der Familie, setzen sich in der Schule mit Lehrern und Mitschülern fort und führen schließlich dazu, dass die betroffenen Kinder in ihrer Freizeit nur schwer Anschluss finden und oft alleine bleiben. „Sie haben es schwer, Freunde zu finden. Mitunter werden sie systematisch provoziert und gemobbt“, weiß Menter.

Mit ihren Schulleistungen bleiben ADHS-Kinder meist hinter ihren Möglichkeiten zurück und landen schnell auf einer Förderschule, weil sie für Aufgaben viel mehr Zeit benötigen als ihre Mitschüler. Ablehnung und wiederholtes Scheitern frustrieren viele Kinder und Jugendliche mit ADHS.

„Manche identifizieren sich mit ihrer Rolle als Rabauke oder Klassenclown, um so Anerkennung zu bekommen. Andere werden depressiv und äußern sogar Selbstmordgedanken“, berichtet Menter.

Haben die Kinder nur eine Aufmerksamkeitsschwäche ohne ausgeprägte Impulsivität oder Hyperaktivität (auch ADS genannt), so laufen sie Gefahr, als „Träumer“ zu Außenseitern zu werden. Die Eltern wiederum sehen sich Vorwürfen von anderen Eltern und Lehrern ausgesetzt. Die Gefahr ist groß, dass betroffene Familien in einen Teufelskreis aus Vorwürfen und Streit geraten und das Selbstbewusstsein der Kinder ernsthaft Schaden nimmt.

(Be)handeln hilft

Kinder mit einer unbehandelten ADHS leiden oft stark. Ihr schwieriges Verhalten würden sie meist gerne ändern, schaffen es aber ohne Hilfe einfach nicht. Eine Auswertung von über 150 Studien zu den Langzeitfolgen von ADHS (1) kam zu dem Ergebnis, dass sich die langfristigen Folgen der Erkrankung positiv beeinflussen lassen, wenn die ADHS fachgerecht behandelt wird.

Insbesondere stärkte die Behandlung der ADHS das Selbstwertgefühl der Betroffenen. Auch im schulischen Bereich und im sozialen Umfeld konnten oft deutliche Verbesserungen erreicht werden.

Obwohl eine fachgerechte Behandlung die Lebensqualität vieler Betroffener und ihrer Familien verbessern kann, lässt die Versorgungssituation in Deutschland zu wünschen übrig. Bis eine gesicherte Diagnose gestellt wird, vergehen im Durchschnitt eineinhalb Jahre (2).


ADHS ernst nehmen

Eine ADHS kann die Gesundheit, die sozialen Beziehungen und den beruflichen Erfolg negativ beeinflussen. Die Betroffenen brauchen Unterstützung.

Ihre Zukunft steht auf dem Spiel
„Es darf nicht sein, dass wir diese Kinder verloren gehen lassen. Sie haben Fähigkeiten und Zukunftsträume wie jedes Kind und ein Recht auf Chancengleichheit. ADHS ist eine ernsthafte Beeinträchtigung, die nicht durch falsche Erziehung oder zu wenig Spielen im Grünen verursacht wird. Der Alltag der betroffenen Familien ist sehr anstrengend und sie brauchen Unterstützung. Engagierte Ärzte, Lehrer und die ADHS-Selbsthilfe leisten seit Jahren großartige Arbeit. Doch wir brauchen noch viel mehr davon.“

Renate Schmidt, ehemalige Bundesfamilienministerin, engagiert sich für Kinder mit ADHS

Versorgungssituation verbessern
„Wir brauchen mehr spezialisierte Ärzte, die ADHS fachgerecht diagnostizieren und behandeln können. Je früher eine ADHS erkannt und eine individuelle Therapie begonnen wird, desto besser für die betroffenen Kinder und deren Familien.“

Dr. Myriam Menter, Geschäftsführerin des Selbsthilfeverbands ADHS Deutschland e. V.


Keine Modeerscheinung

ADHS ist eine Wahrnehmungs- und Verhaltensstörung. Hauptanzeichen sind eine schlechte Konzentrationsfähigkeit, starke Ablenkbarkeit, Impulsivität und ein übermäßig starker, schwer kontrollierbarer Bewegungsdrang (Hyperaktivität).

  • In Deutschland sind rund 5 Prozent der 3- bis 17-Jährigen betroffen.
  • Jungen sind etwa viermal häufiger betroffen als Mädchen.
  • Bei Jungen ist die Hyperaktivität oft stärker ausgeprägt. Mädchen neigen eher zu träumerisch-abwesendem Verhalten (ADS).
  • Die Ursachen sind nicht endgültig geklärt. Ein veränderter Stoffwechsel im Gehirn und Vererbung spielen eine Rolle. Umgebungsfaktoren wie Medienkonsum können beeinflussen, wie stark die ADHS in Erscheinung tritt.
  • ADHS ist keine Kinderkrankheit. Bis zu 60 Prozent der Betroffenen zeigen auch nach der Pubertät noch entsprechende Anzeichen.