Dies legt den Schluss nahe, dass buchaffine Menschen Zusammenhänge besser verstehen und gewinnbringend für ihr Leben nutzen können.

Die Erkenntnis berührt ein Thema, das seit einigen Jahren auf der wissenschaftlichen Agenda steht: Health Literacy oder Gesundheitskompetenz. Der Begriff schließt die Fähigkeit ein, ärztliche Diagnosen, Beipackzettel oder Therapieempfehlungen entschlüsseln und anwenden zu können. In Zeiten, in denen Engagement und Eigenverantwortung der Patienten als essentieller Beitrag im Vorbeugungs- und Behandlungsprozess verstanden werden, ist Health Literacy gefragter denn je. Um gesund zu bleiben oder werden, bedarf es unter anderem ausreichender Lesekompetenz.

Denn wer Gesundheitsinformationen richtig erfassen kann, ist in der Lage, die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Doch dieser Zugang ist bundesweit 7,5 Millionen Menschen verwehrt, die als funktionale Analphabeten gelten und Texte nicht oder kaum entziffern können.

Mangelnde Lesekompetenz hat weitreichende Auswirkungen und ist ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor für das Gesundheitssystem. Eine Studie der Stiftung Lesen zeigt, dass fast die Hälfte der Arbeitgeber und Arbeitnehmer im beruflichen Umfeld von Analphabeten Folgen für diejenigen Beschäftigten wahrnimmt, die nicht richtig lesen können.

Dazu zählen auch gesundheitliche Gefährdungen, zum Beispiel, weil sich die Betroffenen selbst und andere verletzen, da sie Warnhinweise nicht verstehen. Auch jenseits des Arbeitsplatzes kann mangelnde Lesekompetenz Konsequenzen für die Gesundheit haben. Zahlreiche Studien belegen, dass bildungs- und leseschwache Erwachsene oft weniger gesundheitsbewusst leben als solche mit einem höheren Bildungsabschluss und einer guten Lesekompetenz.

Die Aufgabe der Stiftung Lesen ist es, der gesellschaftlichen Bedeutung einer adäquaten Lesefähigkeit Gehör zu verschaffen.

Häufig haben sie einen gesteigerten Verbrauch an Zigaretten und Alkohol, bewegen sich seltener und ernähren sich ungesünder. Demzufolge haben sie ein erhöhtes Risiko, an chronischen Beschwerden wie Diabetes zu erkranken.

Die Aufgabe der Stiftung Lesen ist es, der gesellschaftlichen Bedeutung einer adäquaten Lesefähigkeit Gehör zu verschaffen. In ihren Programmen betont sie, dass Lesen ein wichtiger Baustein für ein selbstbestimmtes Leben ist. Dazu gehört auch eine solide Gesundheitskompetenz. Doch wie können Menschen mit dem Anliegen erreicht werden, ihre Lese- und Gesundheitskompetenz so zu stärken, dass sie verantwortungsbewusst mit Körper und Geist umzugehen wissen?

Diese langfristige Aufgabe muss mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Akteure gemeistert werden. Eine besondere Brückenfunktion könnte dabei Ärzten, Apothekern und Krankenkassen zukommen. Ihr Zugang zu allen Bevölkerungsgruppen, das ihnen entgegengebrachte Vertrauen und die meist hohe Gesprächsbereitschaft der Patienten bieten gute Anknüpfungspunkte, um die Leseförderung zu thematisieren. So kooperierte die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte und von der Stiftung Lesen durchgeführte Initiative „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ mit rund 4.500 der niedergelassenen Kinderärzte in Deutschland.

In der Sprechstunde wurden junge Eltern informiert, wie wichtig frühkindliches Vorlesen ist. Der Ansatz, Gesundheitskompetenz mittels Leseförderung innerhalb des Gesundheitssystems zu stärken, ist vielversprechend und wird nun in einem neuen Forschungsvorhaben der Stiftung Lesen weiterentwickelt. Denn: Gesundheit fängt mit Lesen an.

1 www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/neurologie_psychiatrie/article/918309/leseratten-vorteil-buecher-liest-lebt-laenger.html, 31.08.2016