War Hebamme schon immer Ihr Traumberuf?

Mit 16 Jahren wollte ich eigentlich Kosmetikerin werden. Dann habe ich aber Krankenschwester gelernt und wollte beruflich schon immer etwas mit Kindern zu tun haben. Ich bewarb mich dann als Hebamme. Inzwischen übe ich den Beruf seit 50 Jahren aus. Nur bei der Geburt meiner eigenen Kinder habe ich ein Jahr ausgesetzt. Ich bin überzeugt, dass man als Hebamme selbst mal Kinder bekommen haben muss.

Sie haben inzwischen mehr als 10.000 Babys auf die Welt geholt – was ist das für ein Gefühl?

In die Berliner Waldbühne passen rund 20.000 Besucher. Ich sage immer im Spaß, dass die Hälfte dort meine Kinder sein könnten. Am Prenzlauer Berg sind mir neulich drei Frauen begegnet, die ich alle drei entbunden habe. In der Hinsicht bin ich hier bekannt wie ein scheckiger Hund.

Was hat sich über die Jahrzehnte bei der Geburt verändert?

Frauen haben heute deutlich mehr Mitspracherecht und Selbstbestimmung. Früher wurde überhaupt nicht nach ihren Bedürfnissen gefragt. Auf der anderen Seite halte ich nicht so viel davon, aus einer Geburt etwas Romantisches zu machen. Dazu kann dann doch zu viel passieren.

Ich bedauere, dass wir immer mehr Entwicklungen aus den USA oder Spanien übernehmen. Dort gibt es zum Beispiel eine höhere Bereitschaft, bei Komplikationen vor Gericht zu klagen. Deshalb entscheidet man sich auch hierzulande öfter für mehr Sicherheit – und deshalb für den Kaiserschnitt. Ich plädiere stattdessen für einen gesunden Mittelweg. Bei einer Frau, die eine sehr lange und schmerzhafte Geburt erlebte, kann ich allerdings verstehen, dass sie sich beim zweiten Kind für diese OP entscheidet.

Was ist wichtig für die werdende Mutter?

Natürlich gilt alle Liebe und Konzentration dem Kind. Entscheidend ist aber, dass sich Eltern heute nicht zu seinem Sklaven machen. Viele Mütter geben sich irgendwann komplett auf. Sie sollten nicht vergessen, dass sie auch immer noch Frau und Partnerin sind.

Auf was muss man bei der Erstausstattung achten?

Wichtig ist, dass die Eltern über eine vernünftige Erstausstattung wie einen Kinderwagen verfügen. Wenn mir Mütter eine Einkaufsliste zum Draufschauen zeigen, streiche ich in der Regel ein Viertel davon wieder weg. Man bekommt viel geschenkt und besitzt plötzlich alles doppelt und dreifach.

Was war Ihre denkwürdigste Geburt?

Da gibt es viele. Ich erinnere mich an eine Frau, die aufgrund ihres Elternhauses nicht schwanger sein durfte. Die hat ihr Kind im Bauch selbst noch geleugnet, als sie bereits bei uns auf dem OP-Tisch lag und der Kopf des Babys schon fast herausguckte. Ihre einzige Reaktion nach der Geburt war, dass sich ihre Eltern nun wohl Oma und Opa nennen müssen. Aber eigentlich ist es ja bei jeder Geburt ein Wunder, was da rauskommt.