Ihre Frau hat in den Jahren von 2010 bis 2016 trotz intensiver Behandlungen drei Fehlgeburten erlitten. Sie haben beide inzwischen Abschied vom Kinderwunsch genommen. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Als Mann beschäftigte mich das Problem zu Beginn noch gar nicht so sehr. Meine Frau war da schon tiefer im Thema. Mit der Zeit hatte es aber auch für mich dramatische Auswirkungen. Es war sehr belastend. Ich hatte zum Beispiel bereits gedanklich das Kinderzimmer eingerichtet. Danach war die Enttäuschung umso größer.

Meine Frau und ich haben uns viel ausgetauscht und über unsere Emotionen gesprochen.

Irgendwann dreht sich jede Minute nur noch um die Erfüllung des Wunsches. Wir haben uns für eine homöopathische und dann eine klinische Behandlung entschieden. Hinzu kamen aber auch weiche Faktoren, wie viel Sport, bewusste Ernährung oder Sex nach Zyklusplan. Es bestimmte oft unseren Alltag.

Wie sind Sie währenddessen mit Ihrer Trauer umgegangen?

Meine Frau und ich haben uns viel ausgetauscht und über unsere Emotionen gesprochen. Sie hat mich diesbezüglich sehr motiviert. Ich kann nun deutlich besser über meine Gefühle reden. Mein Blog „vaterwunsch.de“, auf dem ich darüber schreibe, ist ein weiterer Teil der Verarbeitung. Aber auch der Austausch mit Familie und Freunden half.

Wie hat denn Ihre Umgebung darauf reagiert?

Es ist wahrscheinlich der normale Instinkt, dass Menschen dann Mut machen mit Aussagen wie „Macht euch keinen Stress“ oder „Entspannt euch, klappt schon“. Ich kann das verstehen. Es hilft allerdings überhaupt nicht. Es setzt eher unter Druck. Ich fühlte mich nicht ernst genommen. Schließlich war ich vorher entspannt – und wir bekamen kein Kind. Ernsthaftes Interesse hat mehr geholfen.

Sie schreiben über Ihre Odyssee in Ihrem Blog „vaterwunsch.de“ mithilfe der Kunstfigur Helge. Konnten Sie mit anderen Vätern beziehungsweise Männern über Ihre Probleme reden?

Es läuft unter Männern schon auf ein eher wissenschaftliches Gespräch hinaus, dreht sich um Lösungen oder Zahlen. Andere Unterhaltungen sind mit Männern nicht so leicht. Über Trauer, meine Ängste und Emotionen konnte ich besser mit Frauen sprechen. Es ist sicher auch bezeichnend, dass ich schätzungsweise 90 Prozent Leserinnen auf meinem Blog habe.

Sie haben sich vor der Reproduktionsmedizin erst für eine homöopathische Behandlung entschieden – warum?

Es stand im Raum, den Eileiter durch eine Operation zu entfernen. Solche drastischen Maßnahmen wollten wir erst mal vermeiden. Die Wissenschaft hat viel erreicht und es gibt wunderbare Möglichkeiten. Allerdings stehen die Chancen nicht immer so hoch, wie es pauschal formuliert wird. Es regiert viel das Prinzip Hoffnung. Jeder Fall ist anders gelagert. Zu wenig wird dabei auch beachtet, was diese Behandlungen mit der Psyche der Betroffenen macht.

Wann haben Sie sich entschieden, Ihrem Wunsch nach Kindern nicht mehr aktiv zu folgen?

Meine Frau hatte zum Schluss viele Klinikaufenthalte, ihre Gesundheit war gefährdet. Es gab eine Nacht, da habe ich mir jede Stunde den Wecker gestellt, weil ich fürchtete, dass sie bei einem geplatzten Eileiter verblutet. Während eines Urlaubs haben wir dann beschlossen, dass wir diesen Prozess nun beenden.

Wie empfinden Sie die Reaktion der Gesellschaft allgemein zum Thema Kinderlosigkeit?

Beim Small Talk reagieren viele irritiert, wenn man erzählt, dass man verheiratet ist, ein Haus besitzt, aber keine Kinder hat. Das scheint dem klassischen Modell der Gesellschaft zu widersprechen. Auch dann hört man Parolen wie „Na ja, kommt schon noch“. Man muss sich ständig rechtfertigen. Ich finde das unangemessen.

Meine Frau und ich sind ein eingeschweißtes Team geworden.

Es gibt Leute, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden. Es muss doch möglich sein, dass beide Modelle ohne diese Kluft gleichwertig akzeptiert werden.

Manchmal finde ich es fast diskriminierend, zum Beispiel dass ich einen Pflegeversicherungszuschlag wegen Kinderlosigkeit zahlen muss. Es bringt mich monetär nicht um. Ich finde sogar gut, wenn Familien unterstützt werden. Aber die zu bestrafen, die keine Kinder haben oder keine bekommen können, empfinde ich als demütigend.

Ziehen Sie irgendetwas Positives aus dieser schwierigen Lebensphase?

Meine Frau und ich sind ein eingeschweißtes Team geworden. Wir haben uns ein Haus gekauft und können es nun deutlich stressfreier sanieren als manch andere Häuslebauer, weil wir mehr Zeit haben. Wenn man einen solch schwierigen Lebensabschnitt überstanden hat, fühlt man sich gestärkt – nach dem Motto: „Jetzt kann so einiges kommen.“

Information

Erfahren Sie mehr über Johannes und seinen Blog auf www.vaterwunsch.de.