Seit 2001 wurden mehr als 180.000 Kinder in Deutschland und weltweit über fünf Millionen Kinder nach künstlicher Befruchtung geboren. Diese leben meist in traditionellen Familien, ein Teil davon wächst mit gleichgeschlechtlichen Eltern oder auch bei Solo-Müttern auf.

Im Kontext der Familiengründung mit reproduktionsmedizinischer Assistenz entstehen Besonderheiten im Übergang zur Elternschaft sowie möglicherweise im weiteren Verlauf des Familienlebens – vor allem dann, wenn Samen- oder Eizellspenden in Anspruch genommen wurden.

Zur Vermeidung einer „gespaltenen Mutterschaft“ sind die Eizellspende und die Leihmutterschaft in Deutschland verboten. Dennoch leben in Deutschland Familien, welche eine Leihmutterschaft oder Eizellspende im Ausland in Anspruch genommen haben, weshalb auch diese Themen hinsichtlich gelebter Familie in Deutschland von Relevanz sind. Schätzungen zufolge werden in Deutschland circa 300 bis 400 Kinder pro Jahr nach Eizellspende und circa 1.000 Kinder pro Jahr nach Samenspende geboren.

Meist geht einer reproduktionsmedizinischen Behandlung eine längere Phase einer ungewollten Kinderlosigkeit voraus. Wird dann eine medizinische Behandlung in Anspruch genommen, wird diese oft als sehr stressreich erlebt, und häufig müssen erfolglose Behandlungen oder sogar Fehlgeburten verarbeitet werden.

Während einer Schwangerschaft erleben die Paare oft eine größere Ängstlichkeit hinsichtlich der Entwicklung des Fetus, und nach der Geburt des Kindes stellen sich für viele Eltern ungewohnte Fragen:

Soll ich mein Kind und eventuell andere Verwandte über die besondere Zeugungsgeschichte aufklären? Wenn ja, wann und wie kann die Aufklärung stattfinden? Welchen Stellenwert hat die Zeugungsgeschichte für mich und meinen Partner? Wie wirkt sich diese Lebensphase auf die Partnerschaft aus? Sind durch die Behandlung Auswirkungen auf die gesundheitliche und psychosoziale Entwicklung des Kindes zu befürchten? Oder auch: Welche Bedeutung hat der Samenspender im weiteren Familienleben?

Leider ist vielen nicht bekannt, dass zur Klärung solcher Fragen spezialisierte Beratungsfachkräfte angesprochen werden können. Viele Eltern fühlen sich deshalb mit diesen Themen alleingelassen.

Auch wenn die vorhandenen Daten darauf hinweisen, dass den meisten Betroffenen der Übergang zur Elternschaft gut gelingt und sich Eltern nach einer Phase des unerfüllten Kinderwunsches weder in der vorgeburtlichen Eltern-Kind-Bindung noch in der Ausübung der Elternrolle qualitativ von anderen Eltern unterscheiden, müssen bedarfsgerechte Hilfsangebote für diese neuen Familienformen bereitgestellt werden.

Um solche Familien besser unterstützen zu können, ist ein starkes Netzwerk zwischen den reproduktionsmedizinischen und den psychosozialen Fachkräften erforderlich, welches sowohl für die Eltern als auch die Kinder als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Aus Perspektive der Kinder zeigt sich, dass eine frühe Aufklärung über die Zeugungsgeschichte von diesen positiv wahrgenommen wird und das Wissen über den intensiven Kinderwunsch der Eltern von zentraler Bedeutung für das Erleben der Kinder ist. Die späte Aufdeckung einer Zeugungsgeschichte mit Samenspende kann bei den Kindern zu schweren Identitätskrisen und Vertrauensbrüchen führen und auch die Partnerschaft der Eltern stark belasten.