Herr Hildmann, was halten Sie von dem von den Grünen geforderten Veggie Day in Deutschlands Kantinen?

Ich halte das für absolut dämlich.

Das war direkt.

Klar, denn man kann den Menschen nicht vorschreiben, was sie zu essen haben und was nicht. Ich würde mich genauso gegen einen Bockwursttag sträuben, weil ich mir von keinen Politikern sagen lasse, was ich zu essen habe. Obwohl ich gegen die Grundidee nichts habe.

Inwiefern?

Man sollte Menschen nicht durch Bevormundung, sondern durch geschickte Marketingideen Themen schmackhafter machen, sodass sie von allein kommen und Neues ausprobieren wollen. Doch man kann niemanden dazu zwingen. 

Wann und warum haben Sie angefangen, Ihre Ernährung umzustellen?

Als mein Vater im Jahr 2000 vor meinen Augen im Skiurlaub umgekippt und am Herzinfarkt gestorben ist. Der Grund war zu viel Cholesterin – da wusste ich, dass ich etwas ändern musste, wenn ich nicht genauso enden wollte. Schließlich war ich damals, wie mein Vater auch, stark übergewichtig und sah mit nicht mal 20 Jahren schon aus wie 40. 

Und dann haben Sie angefangen, sich vegan zu ernähren?

Das war ein Prozess. Aus ethischen Gründen wie Massentierhaltung und BSE-Skandal bin ich Vegetarier geworden, und umso mehr ich mich mit dem Thema Tierhaltung auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde mir, dass ich für mich nur die vegane Küche vertreten kann.

Warum?

Weil ich nicht möchte, dass beispielsweise eine Käfighenne für mich ihr Leben fristet, nur damit ich sonntags ein Frühstücksei essen kann. Auch hat mich wirklich schockiert, wie man in der Milchindustrie mit Kühen umgeht.

Dass sie eigentlich nur Produktionseinheiten für Milch sind und jährlich mehrfach geschwängert werden, damit sie eben diese hohen Milchmengen produzieren können. Zudem werden sie, wie andere Tiere auch, eingesperrt, damit ich mein Sahneeis essen kann. Das wollte ich nicht mehr. 

Auch wenn Tofu und Gemüse vielleicht satt machen, bleibt der Geschmack dabei doch sicherlich oft auf der Strecke, oder?

Diese Sorge hatte ich früher als Fleischesser auch. Aber das ist vegane Klischeeküche – die Zeiten sind vorbei. Die Schwierigkeit besteht darin, dass viele nicht wissen, wie man diese Zutaten schmackhaft zubereitet. Mein Tipp: vegane Kochbücher lesen und den Spaß am Kochen neu entdecken!

Aber ist vegan kochen nicht teuer und aufwendig?

Ich sage es mal so: Unsere Großeltern haben ein Bio-Lebensmittel einfach nur Lebensmittel genannt, wir nennen es heute Bio-Lebensmittel. Das ist eigentlich das natürliche und sollte auch das normale sein – so wie damals.

Ich möchte mein Geld keinen Firmen geben, die Pestizide, Herbizide und Fungizide aufs Essen sprühen, das wir dann wieder unseren Kindern geben. Es ist wirklich ein unglaublich abgef***tes System. Und dem kann man als Einzelner eigentlich nur den Finger zeigen, indem man Kaufentscheidungen bewusst trifft. 

Ist Essen in Deutschland zu billig?

Definitiv. Wir leben in einem Land, in dem wir eher bereit sind, teures Motoröl als teures Olivenöl zu kaufen. Beim Essen unbedingt sparen zu wollen, ist der falsche Ansatz. Jedem muss doch klar sein, dass Dumpingpreise den wirklichen Wert der Lebensmittel nicht widerspiegeln können.

Hochwertige Bioprodukte sind zwar oft teurer, aber eben auch ihren Preis wert. Du bezahlst ja nicht nur den Liter Hafermilch, sondern auch die Bauern und die Arbeitsbedingungen. Man sollte Respekt vor den Produzenten haben. Und wer jetzt nicht in seine Gesundheit investiert, wird später mit einem Vielfachen mehr an Arztrechnungen, wenn nicht sogar mit seiner Gesundheit bezahlen. 

Was ist das Wichtigste bei der Zubereitung von gesunden, veganen Gerichten?

Die Königsdisziplin ist: mit frischen Zutaten arbeiten, mit Obst, Gemüse, Früchten, Kräutern, Nüssen, ab und zu mal Tofu. Wenn du das machst, ist vegane Küche sogar günstiger, selbst in Bioqualität. 

Sie repräsentieren einen neuen Veganer-Typus. Weniger verbissen und dogmatisch.

Danke. Ich bekomme kaum negatives Feedback von Menschen, die Fleisch essen. Es sind eher die Veganer, die an mir rummäkeln, dass ich nicht perfekt genug sei. Ich finde: Jedes Essen zählt. Du musst nicht zu 100 Prozent vegan essen und leben.

Es geht nicht darum, eine neue Religion zu finden. Wir sollten einfach stärker darüber nachdenken, wie unsere Ernährung die Umwelt und uns beeinflusst, und welche Alternativen es gibt.

Danke für das interessante Gespräch.